Tagungsbericht

"Digitale Medien - eine Chance für beruflicheInklusion?! Neue Ansätze und Konzepte"

Am 29.03.2017 fand in den Räumen des Internationalen Begegnungszentrums (IBZ) der Technischen Universität Dortmund die Tagung "Digitale Medien - eine Chance für berufliche Inklusion?! Neue Ansätze und Konzepte“ statt.
 
Vier Projekte aus der BMBF-Förderlinie „Digitale Medien in der beruflichen Bildung“ stellten über 130 interessierten Anwesenden aus den Bereichen Bildung und Forschung ihre Ideen und Ergebnisse vor: VIA4all – Video Interactive & Augmented – arbeitsprozessorientiert lebenslang lernen, MESA – Medieneinsatz in der Schweißausbildung, DigiProB – Digitale Tools zur Integration von Lernen und Erfahrung im Baugewerbe sowie das Projekt blink – berufsbezogen lernen inklusiv. Gemeinsam diskutierten sie technische und didaktische Aspekte des Einsatzes digitaler Medien in Aus- und Weiterbildung sowie ihre organisationale Einbindung in Unternehmen.
 
Die Tagung begann mit einer Begrüßung durch Herrn Prof. Dr. Christian Bühler, Inhaber des Lehrstuhls Rehabilitationstechnologie der Fakultät Rehabilitationswissenschaften und Projektleiter des Vorhabens VIA4all sowie Grußworten von Herrn Prof. Dr. Franz Wember, Dekan der Fakultät Rehabilitationswissenschaften. Herr Hanno Windler, Mitarbeiter des BMBF, Referat D2 – Digitaler Wandel in der Bildung, richtete ebenfalls einleitende Worte an das Auditorium. Das BMBF fördert zurzeit 250 Forschungsvorhaben, die den Einsatz und die Nutzung digitaler Medien in der Bildung unterstützen und fördern sollen.

Das Projekt VIA4all vertreten durch die Projektkoordinatorin Frau Martina Kunzendorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrgebiets Rehabilitationstechnologie, und Herrn Stefan Wagner, Mitarbeiter des Projektpartners Hannoversche Werkstätten gGmbH, eröffneten mit ihrem Vortrag die Tagung. Das Projekt VIA4all zielt auf die Entwicklung eines ganzheitlichen E-Learning-Angebots für Beschäftigte mit und ohne Handicap. Das E-Learning-Angebot wird in Form interaktiver, mit additiven Informationen angereicherten, Videos realisiert. Ziel des Forschungsvorhabens VIA4all ist, durch innovative und motivierende Lernformen, die berufliche Handlungskompetenz der Lernenden zu befördern. Herr Stefan Wagner stellte erste Ergebnisse des Einsatzes der Lernvideos im Arbeitsalltag der Hannoverschen Werkstätten vor. Erste Anwendungserfahrungen mit dem Medium sind positiv. Die Lernvideos lassen sich mit dem Einsatz von Tablets gut in den Arbeitsalltag integrieren und ermöglichen selbstständige Lernerfahrungen. Das Projekt VIA4all schafft die Voraussetzungen für individualisierte Lernwege und -tempi und ist daher für den Einsatz in heterogenen Lerngruppen besonders gut geeignet. VIA4all unterstützt selbstgesteuertes Lernen als Voraussetzung für berufliche Handlungskompetenz.

Frau Prof. Dr.-Ing. Maren Petersen von der Universität Bremen (Institut Technik und Bildung) und Herr Holger Rautert von der GSI (Gesellschaft für Schweißtechnik International mbH) SLV (Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalten) BZ (Bildungszentren) Rhein-Ruhr, stellten im Anschluss das Projekt MESA - Medieneinsatz in der Schweißausbildung - vor. Das ebenfalls vom BMBF geförderte Projekt untersucht die Integration digitaler Medien in die Qualifizierungsprozesse der Schweißbranche. Das Projekt reagiert damit auf die steigenden Anforderungen in der Schweißbranche und versucht gleichzeitig tradierte Ausbildungsmuster aufzubrechen. Ausbildungsinhalte haben sich seit vielen Jahren nicht signifikant verändert. Ein Großteil basiert auf theoretischer Unterweisung der Auszubildenden sowie manueller Vorführung durch Anleiter/innen. Körperliche Belastungen, Arbeitshaltungen etc. sind bisher eher Bestandteil der theoretischen Ausbildung, da die praktische Übung einzeln in sogenannten Schweißkabinen erfolgt. Durch den Einsatz eines virtuellen, auf dem Prinzip der augmented reality, basierenden Schweißsimulators, kann die Ausbildung auch diesbezüglich modernisiert und optimiert werden. Denn der Simulator ermöglicht die Beobachtung von Arbeitshaltungen, eine gemeinsame Kommunikation und Reflexion in der Lernsituation, so dass Muster, die in einer unbegleiteten Lernsituation entstehen können, nicht aufgebaut werden. Ferner ist der Simulator polylingual nutzbar. Herr Rautert berichtete, dass von 420 Lernenden 100 aufgrund eines Migrationshintergrunds nur über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügen. Diese Zielgruppe hat somit einen verbesserten Zugang zu Bildung. Im Hinblick auf unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen der Lernenden ermöglicht der vorgestellte Simulator ein Höchstmaß an Binnendifferenzierung. Der Simulator kann von allen Lernenden gleichermaßen genutzt werden bzw. die Programme an die Bedürfnisse der Lernenden adaptiert werden. Lernen am Simulator bietet die Gelegenheit Schweißen ohne Vorerfahrung zu üben.

Nach einer Pause, in der den Anwesenden Gelegenheit zum Austausch und zur Diskussion geboten wurde, stellten Herr Dr. Lars Heinemann (Universität Bremen, Institut Technik und Bildung), Herr Dr. Torsten Ripke (TARGIS GmbH) und Frau Dipl. Ing. Melanie Campbell (VBB Nord e.V.) das Projekt DigiProB – Digitale Tools zur Integration von Lernen und Erfahrung im Baugewerbe vor. Das Projekt DigiProB reagiert auf Prüfungsneuordnungen und Weiterentwicklungen der Lernmethoden in der Fort- und Weiterbildung zum Industriemeister Bau (Polier). Arbeitsprozessorientierte und in komplexen Projekten organisierte Lernaufgaben sowie der Einsatz digitaler Tools sind Anforderungen und Entwicklungen auf die nunmehr reagiert werden muss. DigiProB integriert diese Entwicklungen und daraus resultierende Anforderungen an die Fort- und Weiterbildung und überführt diese in eine Lehr- und Lernapplikation (App). Diese App findet ihren Einsatz in Fort- und Weiterbildungsangeboten. Lehrende entwickeln gemeinsam Aufgaben, welche gemeinsam von Lernenden bearbeitet werden können. Das Angebot ermöglicht die Bündelung von Wissen und eine Systematisierung der Ausbildung. Indem die Inhalte in einer App zusammengetragen werden, ist es möglich, Wissen zu konservieren und für andere Nutzer/innen zugänglich zu machen.
Durch die gemeinsame Entwicklung der Lerngegenstände und das gemeinsame Lernen finden auf Seite der Lehrenden wie auch auf Seite der Lernenden Vernetzung und Austausch statt.
Das zentrale Moment der Arbeit ist die Entwicklung von Komplexaufgaben. Zum Beispiel können Lernende in Fort- und Weiterbildungen gemeinsam den Bau einer Autobahnraststätte lernen. Sie lernen hierbei alle Planungs- und Handlungsschritte kennen.
 
Den letzten Vortrag des Tages hielten Frau Martina Reinicke-Reichelt (DEKRA Media GmbH) und Herr Harald Maaßen (IMBSE GmbH). Die Referierenden stellten der interessierten Zuhörerschaft das Projekt blink - berufsbezogen lernen inklusiv vor. Durch ein mediengestütztes Coachingkonzept sollen Jugendliche, mit mittleren Bildungsabschlüssen, in der Ausbildung zum/zur Anlagemechaniker/in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ausbildungsbegleitend unterstützt werden. Die Jugendlichen kommen über die Träger der beruflichen Bildung. Im Rahmen des Projekts soll der hohen Abbruchquote in dieser Ausbildung entgegengewirkt werden und den Jugendlichen zu einem Berufsabschluss verholfen werden. Das Projekt setzt auf drei Bausteine, um dieses Ziel zu realisieren.
Die Unterstützung der Jugendlichen erfolgt mit Hilfe einer Lernkartei, zur systematischen Wiederholung von Lerninhalten, mittels einer virtuellen Coaching-Zone, in der die Auszubildenden sowohl in einem 1:1 Setting mit einem/einer Ausbilder/in oder auch in einem Gruppensetting lernen können und durch 3D-Simulationen von Arbeitsmitteln.
In einem virtuellen Klassenzimmer können die Auszubildenden an 3D-Modellen arbeiten und lernen. Auf virtuellen Wänden können die Lehrenden und Lernenden gemeinsam an Arbeitsaufgaben und Materialien arbeiten und sich unmittelbarer über die Arbeitsaufgaben und -gegenstände austauschen. Durch Lernen im virtuellen Raum wird das Lernen flexibilisiert und ortsunabhängig, wobei auch kooperatives, vernetztes Lernen zwischen Auszubildenden, die räumlich getrennt sind, realisiert ist.
 
 
Abschließend stellten sich die Referentinnen und Referenten in einer Podiumsdiskussion kritischen Fragen, die von der Zuhörerschaft während des Tagungstages in einem Fragekasten gesammelt wurden. In einer angeregten Diskussion äußerten sich die Projektvertreterinnen und Projektvertreter zu den Themenkomplexen
1.    Abbau von Vorbehalten bei Ausbilderinnen und Ausbildern und der Unternehmensführung gegenüber dem Einsatz von neuen Medien
2.    Verhältnis von Aufwand und Mehrwert von E-Learning  
3.    Medienkompetenz
4.    Verstetigung in Unternehmen
 
In der Diskussion stellten die Referierenden einheitlich fest, dass mögliche Vorbehalte effektiv abgebaut werden, wenn alle Beteiligten Lernende, Ausbildende sowie Unternehmensleitungen frühzeitig in die Entwicklung und Nutzung von E-Learning Materialien einbezogen werden und ihnen der Mehrwert der Medien sichtbar gemacht wird. Die Entwicklung von E-Learning ist zu Beginn häufig mit einem Mehraufwand verbunden, der sowohl personelle als auch finanzielle Ressourcen bindet. Mehraufwand wird dann akzeptiert, wenn hiermit langfristig ein Gewinn verbunden ist. Zudem sinkt der Erstellungsaufwand mit wachsender Erfahrung. Unternehmensführungen kann die Attraktivität und der Mehrwert von E-Learning verdeutlich werden, indem ihnen ein neues Qualifizierungsmedium angeboten wird, dass die Ausbildung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern flexibilisiert und verbessert und ggf. einen Beitrag zum Qualitätsmanagement leistet. Bei der Einführung von E-Learning Unternehmen muss beachtet werden, dass digitale Medien aus Sicherheitsgründen nicht überall Einsatz finden können.

Viele Fragen bezogen sich auf die Medienkompetenz von Lehrenden. Medienkompetenz wird von den Referierenden als zentral erachtet, um E-Learning Angebote in der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu verstetigen. Die Gruppe der Lehrenden ist erwartungsgemäß sehr heterogen. Die Referierenden stimmen darin überein, dass Schulungen für Lehrenden/Ausbilder/-innen von besonderer Bedeutung sind, um erforderliche Kompetenzen bedarfsorientiert aufzubauen und die Nutzung der digitalen Medien zu verstetigen.

Die Abschlussdiskussion konnte zusammenfassend zeigen, dass E-Learning als additives Medium in der beruflichen Bildung sehr erfolgreich auch für inklusive Lernsettings eingeführt werden kann. Individualisierung, Selbststeuerung, Binnendifferenzierung u. ä. sind in diesem Kontext relevante Stichworte.